Vogelbeeren, von Roya Azal

Islam & Psychose, Teil 1: Islamische Traditionen in der Pflege und Behandlung geistig Kranker

“Die verschiedenen Formen des Wahnsinns sind unendlich.” ~ Avicenna (Ibn Sina)

All das was heutzutage als “moderne Medizin” beschrieben wird, würde nicht existieren hätte nicht islamische Gelehrte und Wissenschaftler über Jahrhunderte mit daran gearbeitet. Dies trifft auch zu für die Diagnose von Geisteskrankheiten, deren Behandlung und die langfristige Pflege der Patienten. Jenseits der Stereotype von abergläubischen Muslimen, welche an Djinn glauben (Geister welcher laut dem Koran aus “rauchlosem Feuer” beschaffen sind), steht eine dokumentierte Geschichte von islamischen Ärzten und Gelehrten welche Geistes-Krankheiten klassifizierten, diagnostizierten und gemäss griechischen, wissenschaftlichen Parametern dokumentierten.

“Obwohl er die Existenz des Übernatürlichen und von Djinn nicht leugnete, versuchte Avicenna Geisteskrankheit im Kontext der galenischen Lehre der Säfte zu definieren, und vermittelte hiermit, das Geisteskrankheit auch mit natürlichen Mitteln geheilt werden kann (im Gegensatz zu “übernatürlichen”).”

Der wohl berühmteste islamische Arzt, Ibn Sina (Avicenna, 980 – 1037verwarf die Annahme, dass Djinn Depression (Melancholie) und Wahnsinn verursachen in seinem Hauptwerk Kanon der Medizin (al-Qānūn fī al-Ṭibb). Er schrieb: “wenn es von Djinn verursacht werden würde, dann nur indem sie die Funktionen der Gallensäfte verändern würden, denn Depression ist verursacht durch einen Überschuss von (gelbem) Gallensaft. Also muss die Ursache dieser Veränderung die Djinn sein oder aber etwas anderes…”.

Avicenna nahm also eine “offene Position” gegenüber Djinn als Verursachern von Geisteskrankheit an – er negierte nicht deren Existenz und die Existenz des Übernatürlichen ansich, sondern “inkooperierte” selbige. Avicenna, gemäss dem Stand der islamischen Medizin-Wissenschaften der damaligen Zeit – welche grundlegend von den Lehren der Säfte der griechischen Medizin (Galenische Medizin) beeinflusst war – versuchte Geisteskrankheit im Kontext der galenischen Lehren zu definieren, und vermittelte somit, das Geisteskrankheit auch mit natürlichen Mitteln geheilt werden kann (im Gegensatz zu “übernatürlichen”). 

Vogelbeeren, von Roya Azal

Vogelbeeren, von Roya Azal

Avicenna’s Kanon der Medizin kann als ultimativ-autoritativer Text der islamischen Medizin der Zeit angesehen werden, und Avicenna machte grösste Anstrengungen Geisteskrankheiten anhand von Symptomen erstmals gründlichst zu klassifizieren. Er beschrieb Vergesslichkeit, Lethargie, Epilepsie, Besessenheit (Schizophrenie, Psychose) und Depression. Unter jeder Klasse definierte er verschiedene Sub-Kategorien. Zum Beispiel klassifizierte er Tollwut als eine Form der Psychose, während er Lycanthrophy (ein Zustand in welcher ein Patient wie ein Hahn umherstolziert und wie ein Hund bellt und des Nachts auf den Friedhöfen umherhuscht) als eine Art der Depression. Er klassifzierte auch die Symptome der Manisch-Depressiven (Bi-Polaren) Psychose, in welcher Phasen von akuten manischen Schüben von relativ Symptom-freien Zeiten abgewechselt werden, während welcher die Patienten (je nach Persönlichkeit) “normal” leben.  

“Islamische Ärzte verschrieben meistens eine vorsichtige Änderung der Ernährung und der täglichen Gewohnheiten…”

Geisteskrankheit wurde also grundlegend als ein Ungleichgewicht der Säfte (nach dem griechischen Arzt Galen) angesehen. Islamische Ärzte verschrieben zur Behandlung von Geisteskrankheit ein vorsichtig ausbalancierte Diät und tägliche Bewegung. Weiterhin wurden diverse Arzneimittel und Mittelchen verschrieben, um die “Majnun” (persisch für “Verrückte”) zu behandeln, sowie Hijama und Blutegel-Therapien. Es wurden wohlduftende Heil-Bäder verschrieben, sowie spezielle Massagen, Gartenaufenthalte, Blumen, Parfüms, Gebete, Meditation und mehr. In der mittelalterlichen islamischen Welt wurden dann die ersten Krankenhäuser eröffnet, die exklusiv geistig Kranke behandelten. Diese speziellen “Bimaristans wurden auch von europäischen Reisenen beschreiben, welche sich überrascht zeigten, über die Schönheit der Anlagen und insbesondere der Gärten, und die sorgsame Pflege und Zuwendung die geistig Kranke in der islamischen Welt genossen. Im Jahre 872,  erbaute Ahmad ibn Tulun ein Krankenhaus in Kairo welches die Patienten mit Musik therapierte. In vielen Fällen pflegte die Familie die Kranken selbst im Hospital, und die Ärzte übernahmen die Diagnosen, die Beratung und das Verschreiben der Behandlung.

Es ist spannend, zu erfahren, wie gut diese Therapien halfen, und wie jetzt  – im Zuge der alternativen Psychiatrie Bewegung – alte islamische Therapien wie Bäder, Ernährungsänderung, Musiktherapie, Sport, Kräuter – wiederentdeckt werden.

Dieser Text erschien zuerst auf Englisch auf meinem Blog “The Art of Islamic Healing“: 

Islam and Psychosis, Part 2: Islamic traditions of mental health care and treatment

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Roya Azal

Kirsten Roya Azal - Künstlerin, Bloggerin, Geek.

Studio:
http://www.earthangel.one

Auf Englisch:
http://www.theartofislamichealing.com