Vogel und Jinn

Wohltätigkeit als Seelen-Medizin, Teil 1 – Hakime & Sadqa

“Allah nimmt seinen Segen von denjenigen die ausnutzen, aber erhöht sie für die, die gutes Tun und grosszügig sind. Denn er (Allah) liebt nicht die Undankbaren und Bösen.” ~ Koran, Sure 12

Überall in der islamischen Welt ist der Einfluss des Okkulten auf das Befinden regulärer Bestandteil der Diagnose von psychologischen Störungen, körperlichen Erkrankungen und sozialen Problemen. Hierzu sei angemerkt, dass auch die die sogenannten “vernünftigen” Wissenschaften Psychologie und Psychiatrie ihre Wurzeln in den okkulten Traditionen und der Dämonologie haben. Sie sind Nachfahren des Mesmerismus. Der Mesmerismus wurde insbesondere durch Franz Mesmer berühmt (gest. 1815), einem Arzt aus dem Alpenraum, der glaubte ein “universelles Fluidum” endeckt zu haben, welches er “tierischer Magenetismus” nannte. Mesmer arbeitete tatsächlich mit der damals noch unbekanntem Hypnose zum Heilen von “Besessenheit” und psychosomatischen Krankheiten aller Art. Mesmer’s Arbeit und seine Theorien zeugen von seinem Zeitalter, welches in ersten Schritten versuchte, geistige Phänomene wie Hypnose und Trance naturwissenschaftlich-rational zu kategorisieren. Sigmund Freud selbst wurde dann im Paris des späten 19. Jahrhunderts Zeuge einer mesmerischen Behandlung. Eine Erfahrung, welche ihn unmittelbar inspirierte seine Theorien über die menschliche Psyche festzuhalten und die neue Wissenschaft der Psychologie ins Leben zu rufen (Quelle: Die Heilung durch den Geist, Stefan Zweig).

Das Folgende ist ein kleiner Ausflug in die Welt der muslimischen Hakime (Heiler) und die Rolle der Grosszügigkeit, bekannt als Sakkat und Sadqa, in der Heilung von mentalen, körperlichen und sozialen Störungen. Ich konzentriere mich inbesondere auf die freiwilligen islamischen Wohltätigkeitsrituale genannt Sadqa wie sie zum Beispiel von einem befreundeten Hakim in Pakistan verschrieben werden. Im Islam existiert sowohl Sakat – die vorgeschriebene Wohltätigkeit als Teil der fünf Grundpfeiler des Islam – sowie auch Sadqa, welches die freiwillige Wohltätigkeit beschreibt. Betrachtet man Sadqa durch die Brille sozio-psychologischer Interpretationen kann man erkennen, dass Wohltätigkeit, Grosszügigkeit und gute Taten Patienten von Isolation und Schuldgefühlen befreien können und es ihnen erlauben, sich sozial zu integrieren und rehabilitieren. Der mir bekannte Heiler in Lahore, Pakistan verschrieb aber nicht nur Sadqa für seine menschlichen Patienten zum Wohle ihrer Selbst und ihrer Mitmenschen, sondern er verschrieb Sadqa auch für die Geisterwelt, beziehungweise”Mitgeister”-Welt.

Der Koran offenbart, dass die Djinn – Geister die aus rauchlosem Feuer geschaffen wurden, möglicherweise ein Hinweis auf die Elektrizität – an den Willen Allahs gebunden sind, und dass die Djinn keinerlei Macht gegen die Worte des Koran haben. Deshalb beinhalten alle islamische Austreibungen und Heilungs-Rituale Rezitationen des Koran. Djinn müssen dem Willen Allahs gehorchen und müssen alle Bösartigkeiten und allen Schabernack stoppen in dem Moment, in dem der Koran – das unmittelbare Wort Gottes – gegen sie zu Hilfe geholt wird.

“Da die islamische Welt kein Monolith ist, sondern eine Kombination von vielen verschiedenen Kulturen und Variationen des Kernglaubens-Bekenntnisses, variieren die Praktiken, initiatischen Wege und Lebensgeschichten der Heiler sehr stark von Region zu Region.”

Wenn man sich mit islamischen, spirituellen Heilern über deren Lebensweg unterhält, geben diese meist lange Beschreibungen über die Beginne ihrer Arbeit, ihre spirituellen Vorfahren und ihre psychischen Verbindungen zu den Heiligen. Die meisten dieser Heiligen sind berühmte Sufis, Scheichs, Imame und Mitglieder der Familie des Propheten (as) , aber es gibt auch christliche und buddhistische Heilige, Hindu-Götter und andere Figuren in dererlei Verbindungen. Islamische Heiler, meistens Hakime genannt, aber auch als Amils, Babas, Peers und Scheichs bekannt, sind von Ahnen und Heiligen für spirituelle Überlieferungen abhängig. Von diesen erhalten sie Informationen zu Geheimnissen und besondere, magische Kräfte. Gemäss der Überlieferung, überfallen diese Heiligen und Vorfahren oftmals eine nichts-ahnende Person um diese in die Rolle des Hakim zu zwingen. Die Person erfährt dann alle möglichen persönlichen Missgeschicke, so lange bis sie den Ruf wahrnimmt und Folge leistet. Hakime erfahren regelmässig visionäre Zustände, werden von ihren Geistern und Ahnen besucht und besuchen ihrerseits Feste und Feiertagsveranstaltungen in der “Geisterwelt”. Die Hakime müssen durch viele, oftmals auch gefährliche, Prüfungen gehen, wenn sie mit der ihnen aufgetragenen Mission weiterkommen wollen. Mein Bekannter aus Lahore berichtete mir, dass diese sogenannten Initiationen zum Besipiel beinhalten, dass man für viele einsame Nächte auf einem Friedhof sitzt um sich mit den Djinn zu unterhalten. Weiterhin wird zum Beispiel das Land ohne einen Pfennig in der Tasche bereist um Gottes Fürsorge zu erfahren. Es ist auch bekannt, dass Heiler manchmal für lange Zeiten verschwinden um dann auf einmal wieder aufzutauchen. Dies wird in der populären Vorstellung so ausgelegt, dass die Heiler körperlich in die Geisterwelt entschwinden um dort noch mehr Geheimnisse zu erlernen. Ob sie stattdessen in abgelegenen, gemütlich eingerichteten Höhlen überdauern, sei dahingestellt.

Der werte Leser sieht sicherlich schon, dass man sich dieser geheimnissvollen Welt einerseits mit Neugierde und unbedingtem Respekt, aber auch mit mehr als einem Quentchen Humor, dem Urverwandten des “gesunden Menschenverstandes”, annähern sollte. Der allzu weltliche Schabernack vieler Sufis und Hakime und ihr Hang zum Geschichtenspinnen kann nicht unerwähnt bleiben. Bezüglich der gefährlich-gruseligen initiatorischen Einsamkeit auf Lahores Friedhöfen sei erwähnt, dass zum Beispiel das Rotlichtviertel von Lahore direkt neben dem grössten Friedhof der Stadt liegt. Allzu gespenstig wird es dort – je nach menschlicher Perspektive – gerade zur Nachtzeit wohl eher nicht zu gehen, zumal viele Menschen der für ihre Hitze bekannten Millionenstadt vorrangig nachts aktiv werden und Friedhöfe als Treffpunkte bekannt sind.

Da die islamische Welt kein Monolith ist, sondern eine Kombination von vielen verschiedenen Kulturen und Variationen des Kernglaubens-Bekenntnisses (siehe auch der Beitrag zu Herny Corbin), variieren die Praktiken, initiatischen Wege und Lebensgeschichten der Heiler sehr stark von Region zu Region. Hakim A, ,mein Bekannter aus Lahore, war so freundlich, und erzählte mir über fünf Jahre hinweg viel über seine Heilmethoden und seinen Lebensweg. Die spezielle Medizin dieses Hakim war eben die Grosszügigkeit, beziehungsweise Sadqa und Sakkat. Er verschrieb seinen menschlichen Patienten den Djinn Opfergaben zu überbringen, je nach Charakter der Störung, waren dies Fleischopfer oder Süssigkeiten oder beides. So seltsam sich derartige Rituale für rationale Gemüter anhören, im geistig-religiösen Gewebe Lahores und darüber hinaus, erwiesen sich diese Rituale immer wieder als effektiv.

Teil 2, Interview mit Hakim A. über Sadqa
Anmerkung: Dieses Interview wurde von mir im Frühling 2015 durchgeführt und existiert bereits in Englisch auf meinem Blog The Art of Islamic Healing. Hakim A. ist im Dezember 2015 leider unerwartet verstorben und aus Pietätsgründen halte ich eine Übersetzung derzeit zurück. 

Roya Azal. Etsy

Beiträge

Posted in Entgiften & Säubern, Entheogener Islam, Heilendes Beten im Islam, Hijama (Ritzen) & Blutegel, Islamische Heilkunde, Islamische Meditation (Murqaba), Islamische Medizin & Kulturgeschichte, Islamische Mystik & Esoterik, Islamische Okkulte Tradition, Islamische Trauma-Therapie, Islamischer Schamanismus, Kunst, Spiritualität & Kreative Imagination, Mentale & Spirituelle Gesundheit, Psychologie & Spiritualität, Traditionelle Holistische Therapien and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , .

Roya Azal

Kirsten Roya Azal - Künstlerin, Bloggerin, Geek.

Studio:
http://www.earthangel.one

Auf Englisch:
http://www.theartofislamichealing.com